Gegensätze

Süßer Duft liegt auf der Heide,
seichte Winde in der Luft,
Wolkenschleier wie aus Seide,
weit entfernt der Kuckuck ruft.

Libellen schweben leicht und lautlos,
im wunderbaren Abendrot,
der dicke Frosch thront auf dem Moos,
wohl wissend das keine Gefahr ihm droht.

Birkenblätter im Winde wiegen,
Käfer huschen durch das Gras,
im Schilf sich leicht die Blätter biegen,
der Reiher übt den tiefen Bass.

Kinder drehen sich im Reigen,
Blumenkränze schmückt ihr Haar,
oben in den alten Weiden,
begleitet sie die Vogelschar.

Helles Lachen dringt zum Waldrand,
wo des Schäfers Herde ruht,
im Gras liegt er - völlig entspannt,
sein Pfeifchen schmeckt ihm sichtlich gut.

Hasen tollen hinter Rosen,
die Eule schaut belustigt zu,
alle necken sich und kosen,
die Dämmerung zieht den Vorhang zu.

Hier ist die heile Welt geblieben,
mit Freude, Frieden, Lust und Liebe,
woanders wird nur Hass geschrieben,
Elend, Tote, Blut und Kriege.

Erfüllt ist dort die Luft vom Rauch,
zerstört die von Gott geschaffene Natur,
vom Wind getragener Todeshauch,
Vernichtungswillen pur.

Menschenmassen aufgehetzt,
von aberwitzigen Ideen,
Wahnsinnige haben Zeichen gesetzt,
wollen Blut und Tränen sehen.

Kinder kennen nur Gewehre,
sind auf blinden Hass gedrillt,
keiner erkennt die Schuld, die schwere,
ihre Sinne reagieren wild.

Panzer, Bomben und Granaten,
zerfetzen was im Wege steht,
jeder der aufmarschierenden Soldaten,
den Weg des Unterganges geht.


Massengräber Leichen bergen,
meterhoch mit Schutt bedeckt,
Frauen die sich wild gebärden,
wie Vampire, die Blut geleckt.

Flüche, verlassen ihre Leiber,
Wortfetzen, hinaus geschrieen,
in die Irre geleitete Weiber,
werden wilde Furien.


Diejenigen die Vernunft noch walten,
in dieser Hass erfüllten Zeit,
können die Wahnsinnigen nicht halten,
sind zu keiner Lösung bereit.

Angeblich weise kluge Männer,
weitab vom grausigen Gescheh'n,
ziehen die Fronten immer länger,
obwohl dort kaum noch Menschen steh'n.

Machtgier verdrängt ihr schlechtes Gewissen,
hektisch und in Ungeduld,
Millionen Leben weggeschmissen,
oh - wie groß ist Eure Schuld.

Leichengeruch bedeckt das Land,
das Wasser der Flüsse färbt sich rot,
ein Inferno wie nie gekannt,
das Schlachtfeld bereitet für den Tod.

Vergiftet und verbrannt die Erde,
Stille - nur noch Rauch zu sehen,
ob es denn jemals Frieden werde?
ohne Gemetzel und Kampfgeschehen?

Wer noch lebt in dieser Eiszeit,
die gefühllos und so kalt,
im Herzen spürt nur Bitterkeit,
irrt ziellos durch den Trümmerwald.

Aphatisch hocken jetzt die Weiber,
erstickt an ihrem Hassgeschrei,
Klagelieder verlassen nun ihre Leiber,
das Leid ist lange nicht vorbei.

Kinder nicht mehr mit Gewehre,
voll Entsetzen, ohne Verstand,
wenn wenigstens für sie Frühling wäre,
doch so etwas haben sie nie gekannt.

Sie übten niemals sich im Reigen,
hatten nie Blumenkränze in dem Haar,
kennen keine blühenden Weiden,
hören keine Vogelschar.

Lachen wurde nie gelehrt,
kein friedliches Spiel im Abendrot,
jegliche Liebe ihnen verwehrt,
in ihren Herzen spielt der Tod.

In diesen Trümmern ihres Lebens,
ohne ihre geringste Schuld,
sucht die Vernunft man dann vergebens,
findet nur Rachegelüste und Ungeduld.

Süßer Duft liegt auf der Heide,
seichte Winde in der Luft,
das Schlachtfeld ist des Irrsinns Weide,
in jener kalten Todesgruft.

Wilhelm Rohe