Fragen

 

Fragen des Lebens

Die Kinderzeit

Wo sind sie geblieben die Kindertage?
die schon so fern, in Erinnerung oft nahe,
als wir unbeschwert miteinander spielten,
uns für die größten Indianer hielten
oder als Cowboy in stattlicher Montur,
wo sind diese schönen Jahre nur?
Als Kinder hatten wir große Träume,
unüberwindbar wie hohe Zäune.
Die Zeit hat sie davon gespült
und das Innerste oft aufgewühlt.
Wohlbehütet wuchsen wir auf,
doch das Schicksal nahm unabwendbar seinen Lauf.
Wir durften nicht lange Kinder sein,
das System forderte seinen Tribut von uns ein.
Zu früh ins Arbeitsleben eingebunden,
Körper, Geist und Seele geschunden.
Zum Klagen stand uns nicht der Sinn,
es war für uns ein Neubeginn.
Der Eintritt in eine neue Zeit,
wir waren unbewusst für die Jugend bereit.
Verachtet wurden nun kurze Hosen,
exakt der Scheitel ins Haar gezogen,
das Äußere gewann nun an Wert,
der Einblick ins Innere verwehrt.
- Endgültig - vorbei die Kindertage,
viel zu früh, ganz ohne Frage.

Die Jugend

Wo ist sie geblieben die Jugendzeit?
der Frühling in unserem Leben.
Wir waren für manche Dummheit bereit,
diese Zeit hat uns so viel gegeben.
Wir gaben uns als junge Wilde
und traten hartgesotten auf,
waren oft nicht ganz im Bilde,
beim sentimentalen Lebenslauf.
Es zählte noch die Freundschaft,
gingen zusammen durch dick und dünn,
begannen, wenn auch zaghaft,
zu verstehen der Liebe Sinn.
Rebellionen fanden noch nicht statt,
die Politik konnte uns nicht viel geben,
von den Hungerjahren noch so satt,
wollten wir einfach nur gut leben.
Erst später lasen wir Böll und Brecht,
erfuhren anderes Gedankengut,
fanden Rilke und Hülshoff nicht schlecht,
sie gaben dem Herzen entsprechenden Mut.
Mut zu zeigen fürs andere Geschlecht,
danach lechzte nun unsere Seele ,
fanden es im Freundeskreis nur gerecht,
wenn man stolz die Freundin vorstellte.
Sie nahm des Freundes Platz nun ein
und füllte aus unseren Lebensraum,
in diesem Moment des Glücklichsein,
bemerkten wir die Veränderung in uns kaum.

Die Freunde

Wo sind sie geblieben die guten Freunde?
die alten Weggefährten,
sie begleiten nur noch meine Träume,
die alle Erinnerungen verwerten.
Wir bildeten eine verschworene Gemeinschaft,
und machten vor keinem Unsinn halt,
fehlte es wahrlich nicht an der Kraft,
verabscheuten wir dennoch die Gewalt.
Neid im Besonderen war nicht zu erkennen,
in unserem Freundeskreise,
so wie wir es von der heutigen Zeit her kennen,
das gab es in keiner Weise.
Wir standen füreinander ein,
Freundschaft war nicht nur ein bloßes Wort;
Und doch, es konnte nicht für immer sein,
des Lebens Lauf spülte die Verbindungen fort.
Jeder suchte nach neuen Wegen,
wie's ihm wohl am besten gefällt,
es lebten bald alle ein neues Leben,
nach den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt.
Die eigene Familie gründen,
ein ganz neuer Lebensabschnitt,
vergessen die Jugendsünden,
man bekam nun Verantwortung mit.
So trennten sich die Wege,
die man gemeinsam ging,
doch brennt die Trennung in der Seele,
von dem Freund, an dem man besonders hing.

Der beste Freund

Wo ist er geblieben, mein bester Freund?
er war wie ein Bruder, für mich geboren,
ihn zu suchen, ich habe es zu lange versäumt,
haben wir uns endgültig verloren?
Wehmut beschleicht mich nun sehr oft,
denn die Zeit sie läuft davon
und man vergebens darauf hofft,
der Freund, er meldet sich dann schon.
Vielleicht geht es ihm ja so wir mir,
das Zweifel ihn beschleichen
und ist deshalb nicht schon lange hier,
diese Sorge, sie will nicht weichen.
Geblieben sind die alten Briefe,
aus längst vergangenen Zeiten,
wenn er nochmals nur einige Zeilen schriebe,
würde eine große Freude bereiten.
Vielleicht taucht er aus dem Nebel auf,
ich würde ihn sofort erkennen,
garantiere, das ich zu ihm lauf,
nein, ich würde rennen!
Wenn es das Schicksal nun anders bestimmt,
so will ich den Umstand nicht beweinen.
Die Erinnerung an diesen Freund mir keiner nimmt,
das ist tröstlicher, als hatte man im Leben keinen.
In meine Gebete schließe ich Ihn ein,
damit es ihm gut ergehe,
genauso wie die Eltern mein,
die ich auch nur noch in den Träumen sehe.

Die Eltern

Wo sind sie geblieben die Eltern mein?
Wir haben sie schon längst begraben,
der Tod verewigte ihre Namen in Stein,
eine letzte Ruhestatt wir Ihnen gaben.
Wortlos mussten Sie von uns ziehen,
kein Lebewohl, kein letztes Wort,
vor der Wirklichkeit kein Entfliehen,
sie sind unwiederbringlich fort.
Sie hatten es in ihrem Leben wahrlich nicht leicht,
es war bestimmt von harter Arbeit an langen Tagen,
hatte anfangs das Essen nicht für alle gereicht,
so gaben sie es uns Kinder ohne zu klagen.
Der Krieg hatte ihr Leben geprägt,
wir konnten manche Träne nicht deuten,
hat sich heute die Unkenntnis gelegt,
gibt es Situationen die wir bitter bereuten.
Oft stand ich schon an Ihrem Grab
und bat sie um Vergebung,
für alles was ich Ihnen tat,
O Herr, schenke Ihnen die Erlösung.
Hilflosigkeit macht sich in mir breit,
ich kann Ihnen nichts vergelten,
zwischen Wunsch und Wirklichkeit,
liegen unendliche Welten.
In das Gebet schließe ich meinen Dank mit ein,
das ich eines Ihrer Kinder bin,
es überwiegt das Gefühl stolz zu sein,
danach steht mir dann der Sinn.
Vater unser........

Die Geschwister

Wo sind sie geblieben, die Geschwister mein?
sie leben ihr eigenes Leben,
so soll es wohl auch richtig sein,
man kann - sich trotzdem sehr viel geben.
Der Mutter größten Wunsch noch im Ohr,
dass wir Geschwister stets zusammenhalten,
es kommt mir bei jeder Umarmung so vor,
als könnten wir ihren Wunsch gut verwalten.
So lange das Schicksal es gnädig meint,
nehmen wir dieses jeweils in die eigene Hand,
in größter Not sind wir vereint,
darin sehe ich Verstand.
Der größte Feind einer Geschwisterliebe,
ist sicherlich das Wörtchen "Neid",
es brachte mit all seine Umtriebe,
über viele Familien schon großes Leid.
Eine vorher gelebte Harmonie,
fiel zusammen wie ein Kartenhaus,
es war als liebten sie sich nie,
der Betrachter wendet sich mit Graus.
So etwas wollte unsere Mutter ausschließen,
dafür setzte sie ein all ihre letzte Kraft,
das Ihre Kinder den Frieden genießen,
den man ohne Neid nur schafft.
Möge also der Mutter Willen,
in unseren Herzen weiterleben,
ich frage mich so oft im Stillen,
kann ich meinen Kindern auch so viel Liebe geben?

Die Kinder

Wo sind sie geblieben, die Kinder mein?
sie verließen in Frieden ihr Elternhaus.
Im Lauf des Lebens muss es wohl sein
und zogen in ihre eigene Welt hinaus.
Das Leben in die eigenen Hände nehmen,
Verzicht zu üben auf unsere Fürsorge,
danach stand ihr ureigenes Streben,
meine Erfahrung ich Ihnen gern borge.
Erfahren was das Leben nun bringt,
in dieser für sie anderen Welt,
das man mit der Erkenntnis ringt,
es zählt nicht nur allein das Geld.
Teilen lernen mit aller Ehrlichkeit
und dem Partner die volle Liebe geben,
dann macht sich die Erkenntnis breit,
so bestehen wir gemeinsam das ganze Leben.
Nun ist in mir die Erkenntnis gereift,
wir haben die Kinder nicht verloren,
es braucht Zeit bis man dieses begreift,
auch das Geschenk - als die Enkelkinder wurden geboren.
Mit Dankbarkeit und Freude stelle ich fest,
wenn wir uns wiedersehen,
auch des Lebens letzten Rest,
werden wir gemeinsam gehen.
Drum werden wir sie noch lange begleiten,
trotz der getrennten Wege,
in guten wie in schlechten Zeiten,
Das ist Glück - wie ich gestehe.

Das Liebste

Wo ist sie geblieben, meine ganz große Liebe?
in die Jahre gekommen, ist mir treu geblieben.
Manchen Sturm musste sie wohl überstehen,
um die Wege mit mir gemeinsam zu gehen.
Diese waren oft weiß Gott steinig genug,
die Versuchung groß, für manch Selbstbetrug.
Doch wer wie sie, das Wort Liebe lebt,
derjenige auf festem Boden steht.
Zur großen Liebe gehören naturgemäß zwei,
ich bin ehrlich, ich war der Schwächere dabei.
Die nötige Dankbarkeit zu zeigen ist schwer,
genug Zeit für alles zu danken, bleibt nimmermehr.
Was der Rest des Lebens auch bringen mag,
die Zeit läuft davon, Tag um Tag.
Daran hängt oft mein einziger Gedanke,
es ist unendlich schwer - dieses einfache DANKE!
Danke zu sagen für Langmut und Verständnis,
für die Befreiung aus manch arger Bedrängnis.
Für die aufopferungsvolle Hilfe all die Zeit,
während meiner ach schon so lang dauernden Krankheit.
Für die Entbehrungen die sie klaglos hingenommen hat,
für die so manche schlaflos verbrachte Nacht.

Wir sind in Ehren alt geworden,
haben zusammen keine Angst vor den neuen Morgen.
Angst, macht mir nur der Gedanke allein zu sein,
denn dazu fällt mir nur eine große Leere ein
und hoffe egoistisch den Tag erlebe ich nich',
Für alles DANKE - Ich liebe Dich!

Wilhelm Rohe