Der Tod

 

Wie oft sah ich dich schon?
Sah ich in dein Gesicht?
Ich bin nicht vor dir gefloh'n,
erkannte dich einfach nicht.

Du sollst so viele Gesichter haben,
man erkennt dich viel zu spät,
ich wüsste nicht, was soll ich sagen?
wenn du plötzlich vor mir stehst.

Ein Gebet möchte ich wohl sprechen,
als Sünder für mein Seelenheil,
meine Liebste im Gebet nicht vergessen,
wir wären dann ja nicht mehr zwei.

Oft hab ich mich nach dir gesehnt,
meine Seele fiel in das Tränenmeer,
weil meine Gedanken wie gelähmt
und ich glaubte, es geht nicht mehr.

Wenn der Körper gequält von Schmerzen,
am Horizont kein Hoffnungsschimmer,
mein Wunsch nach dir kam dann von Herzen,
doch dieser Wunsch besteht nicht immer!

Ich Egoist bin so vermessen,
glaub' wohl du bist auf Abruf da,
hab' mitunter ganz vergessen,
es sind ja auch noch Andere da!

Andere, die noch an mich glauben
und in Liebe zu mir steh'n,
mich vielleicht sogar noch brauchen,
die mir sagen - du darfst nicht geh'n.

Ihren Seelenschmerz könnt' ich vermessen,
wenn ein geliebter Mensch muss mit Dir gehen,
ich hab's bis heute nicht vergessen,
wie es ist am Grab zu stehen.

Verzweifelt suchend nach dem Sinn,
wofür nun hat dieser Mensch gelebt?
Er geht mit Dir ins Zotenreich dahin,
ohne das man den Grund versteht.

Er war noch viel zu jung für diesen Schritt
und hatte der Pläne noch so viel,
doch trotzdem nahmst Du ihn einfach mit,
wie nach dem Zufallsprinzip beim Würfelspiel.

Der Eine sagt: der Tod ist gnädig,
doch meistens schlägst Du grausam zu,
wirst selten auf Verlangen tätig
und bist zerstörerisch im Nu.

Der Andere sagt: der Tod ist grausam,
doch viele erlöst du von schwerem Leid,
schließt ihre Augen ganz behutsam,
mit Gnade und Barmherzigkeit.

So wankelmütig bin auch ich,
war im Leid auf Dich versessen,
im Glück da brauche ich Dich nicht,
hab Dich jedoch nicht ganz vergessen.

Die Angst beschleicht mich wie ein Tier,
denk ich an den unausweichlichen Moment,
hoffe inständig , Du bist noch lange nicht bei mir,
hast deine Sense noch nicht über mein Haupt gesenkt.


Der Herr erhöre mein Gebet

Wilhelm Rohe