Das Spiegelbild

 

Zwiegespräch mit einem Spiegelbild

Warum schaust Du mich so traurig an?
Geht es Dir etwa heut nicht gut?
Fehlt Dir ein wenig Lebensmut?
Oder warst Du gestern so spät dran?

Irgendwie gefällst Du mir nicht,
gerötet sind die kleinen Augen,
die zum Sehen noch nicht taugen,
Vorsicht! ich mache etwas Licht.

Zwinkern, blinzeln, hallo Du,
ja jetzt seh ich Dich genauer,
es macht allerdings nicht schlauer,
also - die Augen wieder zu.

Doch so kommen wir nicht weiter,
mit der morgendlichen Tortur,
ist es zu Deinem Vorteil nur?
zumindest aber wohl gescheiter.

Fangen am besten oben an,
waschen dein angegrautes Haar,
das schon bedeutend voller war,
bevor Dein Abstieg begann.

Die Rasur wie immer schmerzhaft,
weil wohl noch die Klinge stumpf,
diese kämpft sich durch des Bartes Sumpf,
irgendwie - geschafft.

Der Bart des Propheten war es nicht,
das möchte ich wohl bezeugen,
vor Dir werd ich mein Haupt nicht beugen!
Hätte Dich erkannt, auch ohne Licht.

Spieglein, Spieglein an der Wand,
bis morgen früh zum gleichen Spiel,
ich weiß es hilft wohl nicht mehr viel,
es gibt Schönere im Land.

Wilhelm Rohe