Das Spiegelbild 2

 

Zwiegespräch mit einem Spiegelbild

Spieglein, Spieglein an der Wand,
lange nicht gesehen,
konnte ich bestehen?
Hast Du mich überhaupt erkannt?

Ich mein, gesehen haben wir uns schon,
bei der morgendlichen Tortur,
studierte dabei das Nötigste nur,
lief meistens schnell davon.

Doch heut besitze ich den Mut
und stelle mich.
Es gibt dem Herzen einen Stich
und tut mir sicherlich nicht gut.

Hallo Du - mit dem ergrauten Haar,
das auch nicht mehr so voll,
es liegt nicht mehr so wie es soll.
Aber - ich find es steht Dir wunderbar.

Auch die Falten im Gesicht,
haben sich zwar vermehrt,
jede Falte die Erkenntnis ehrt,
drum stören sie auch nicht.

Gut, die Augen sind ein wenig müde,
Spuren der Vergangenheit,
legen wir ab die Eitelkeit
und sind nicht mehr so prüde.

Schauen einfach nicht zurück,
sehen die Sache positiv.
Na komm, nun guck doch nicht so schief
und nennen das Ganze einfach Glück.

Wir sind beide älter geworden,
das kann man nicht verschweigen,
sie werden sich halt immer zeigen,
die Spuren - gezeichnet von Sorgen.

Nun denn, mein Mut hat sich gelohnt,
ich konnte einigermaßen bestehen.
Man muss nur den richtigen Winkel sehen,
ja gut, ein wenig habe ich mich auch geschont.

Spieglein, Spieglein an der Wand,
mach's gut auf Wiedersehen.
Ich kann nun doch beruhigt gehen,
gibt es auch Schönere im Land.

Wilhelm Rohe