Das Gebet

 

Verwaschenes Grau durchs Fenster dringt,
von fern ertönt der Amsel Schlag,
kein anderer Vogel bisher singt,
der Geist wird langsam wach.

Das Morgengebet als erste Pflicht,
von Kindheit her schon angeboren,
in diesem fahlen Morgenlicht,
die Gedanken noch verloren.

Ein "Vater unser" dahin gesagt,
die Andacht fehlt wohl leicht,
das Gewissen jedoch fragt,
ob das für diesen Tag denn reicht?

Das Abendgebet es war sehr lang,
geprägt von Bitten und vom Flehen,
für alle die da liegen krank,
für alle die nun von uns gehen.

Für alles Leid auf dieser Erde,
für alle die im Elend leben,
das auch ihr Leben besser werde,
für alle soll's mehr Sonne geben.

Für Gerechtigkeit auf dieser Welt,
auch für ein besseres Ich,
die Bitte nach genügend Geld,
Gründe genug - ganz sicherlich.

O Herr erlöse uns von unserer Schuld,
die wir auf uns geladen,
so beten wir voll Ungeduld,
die Seele hat schon große Narben.

Narben weil gefehlt wir haben,
dem Verstande zu sehr folgten,
dem Herzen keine Chance gaben,
obwohl wir dieses viel mehr sollten.

Nun Herr -Du sollst es wieder richten,
so beten wir zu Dir,
Schuld bei uns? mitnichten,
Wir beten ja zu Dir!

In einer Welt geprägt von Gewalt,
von Hass und voller Gier,
der Teufel sitzt in mancher Gestalt,
Wir beten ja zu Dir!

Schließen verschämt dann unsere Augen,
hinter unsichtbarem Visier,
wir leben doch in treuem Glauben
und beten ja zu Dir!

Erheben kaum unsere Stimme,
lassen alles geschehen hier,
hoffen das ein Anderer beginne,
Wir beten ja zu Dir!

Das Gewissen lange verdrängt,
meldet sich von Zeit zu Zeit,
Selbsteinsicht jedoch sehr kränkt,
zur Sühne noch nicht reif und bereit.

Im Alter sagt man wird man weise,
Man sieht den Dingen auf den Grund,
doch bald erkennt man leise,
zu tief ist dieser dunkle Schlund.

Nebelwände tun sich auf,
wir haben Mühe klar zu denken,
und hoffen wieder mal darauf,
der Herrgott wird's wohl lenken.

Wie groß ist denn Deine Geduld?
mit uns sündigen Menschenkindern.
Wie lange schenkst Du Deine Huld?
Wie lange kannst Du die Not wohl lindern.

Und in der Krankheit dunklen Nacht,
mit Zittern und mit Zagen,
wenn kein Stern am Himmel lacht,
stellen wir dann bittere Fragen.

O Herr - warum gerade ich?
verdiene ich dies harte Los?
Es ist das Ende doch wohl nicht,
was mache ich denn bloß.

Der Schmerz des Körpers trifft uns kaum,
es ist der Schmerz in unserer Seele,
dieser Schmerz nimmt uns den Raum,
er schnürt uns zu die Kehle.

In der Stille dieser Dunkelheit,
wenn wir die Trauer des Herzens hören,
macht sich Verzweiflung in uns breit,
wir würden jeden Eid nun schwören.

Doch im Gebet finden wir immer wieder Kraft,
ordnen dann die wirren Gedanken,
Im Gebet verbracht die Nacht,
es öffnen sich geschlossene Schranken.

Der Amsel Schlag er ist verstummt,
das Grau des frühen Morgen weicht,
irgendwer ein Liedchen summt,
das "Vater Unser" reicht.

Soll reichen für des Tages Last,
für unser aller Seelenfrieden,
für den Weg, den Du zu gehen hast,
für alle Menschen die wir lieben.

Gott lässt niemand ganz allein,
in Gedanken spricht er auch zu Dir,
lade ihn in Deine Seele ein,
Vertraue ihm, vertrau auch Dir.

Wilhelm Rohe