Am Meer

 

Oh Urgewalt von Meereswogen,
das Rauschen scheint mir wie Musik,
Gern wär' ich mit Euch gezogen,
weil mich die Sehnsucht dazu trieb.
Die Sehnsucht nach dem neuen Morgen,
und nach dem unbekannten Glück,
ein Leben ohne diese Sorgen,
ich kehrte niemals mehr zurück.

Keine Schmerzespein mehr erleiden,
die den Körper so lang schon quält,
keine Träne mehr zu zeigen,
die das Seelenheil verfehlt.

Nie mehr so sein, so sehr bescheiden,
das man zu oft auf Andere zählt,
das eigene Ich, dann selbst beneiden,
was für den Rest des Lebens stählt.

Ich wäre frei, frei ohne Zwänge,
frei auch von jener Schmerzespein,
ein Leben ohne schlimmes Ende,
aber - ich wäre ganz allein.
Allein zu sein und ohne Liebe,
nur noch die Liebe zum eigenen Ich,
das wäre alles was mir bliebe,
ist es das? Das will ich nicht!

Zieht nur weiter Meereswogen,
lasst mich frei aus eurem Bann,
fast hätte ich mich selbst belogen,
weil das Rauschen so betören kann.
Ich geh zurück zu meinen Lieben,
nehm' die Ungeliebten mit in Kauf,
die Liebste, die mir ist geblieben,
baut mich bestimmt schon wieder auf.

Es gibt nichts Schöneres hier auf Erden,
als Liebe nehmen, Liebe geben,
in dieser Liebe Eins zu werden,
das ist Vollendung in diesem Leben.

Doch - Du weites großes Meer,
du ziehst mich immer wieder in deinen Bann,
bewegst mein Innerstes tränenschwer,
ich komm zurück, sobald ich kann.

Wilhelm Rohe