Am Bahndamm

 

Dunstschleier und Nebelfetzen bedecken das Reich,
das als Kind meine Heimat war,
hier war ich einem König gleich,
hier wurden Heldentaten wahr.

Mein Holzschwert war mein treuer Begleiter;
als Prinz Eisenherz durchs Unterholz gestrolcht,
beim Brombeerwald ging es nicht weiter,
hätte eh kein Tier gemolcht.

Als Robin Hood mit Pfeil und Bogen,
dem Meuchelmörder auf der Spur,
kreuz und quer durch den Geisterbusch gezogen,
Und doch - ein furchtsamer Junge nur.

Im Traum wurden viele Träume wahr,
die Zeit verließ sehr oft den Raum,
so mancher Held in mir gebar,
saß ich auf meinem Lieblingsbaum.

Die alte Kopfweide war mein Thron,
überblicken konnte ich das ganze Land,
Freund oder Feind sah ich von weitem schon,
doch ich habe nicht alle erkannt.

So mancher Freund entpuppte sich als Feind,
nahm mir eine weitere Illusion.
Er wurde mit einer Träne beweint,
einer weniger, was machte das schon.

Mit dem kindlichen Gemüte,
wandte man sich anderen Dingen zu,
Trübsal deswegen, oh Gott behüte,
ein neuer Freund fand sich im Nu.

Gehe ich nun heute diesen Damm entlang,
hat nicht nur er ein anderes Gesicht,
auch mein Innerstes sorgenschwer,
eine andere Sprache spricht.

Ein Kiebitz hüpft vor mir ganz gewagt,
will mich locken auf die falsche Spur,
so wie es manch angeblicher Freund wohl tat,
trotz noch so überzeugendem Treueschwur.

Mit zunehmendem Alter traf es härter,
wenn wieder mal die Erkenntnis gereift,
ich bin um einen Freund ärmer,
der mit mir durch das Leben streift.

Wie viele sind am Ende geblieben?
Ich geh allein diesen Damm entlang,
der sich so sehr in mein Leben eingeschrieben,
die Erinnerung schmerzt, sie macht mich krank.

Was habe ich denn falsch gemacht,
in meinem kurzen Leben,
wurde um fast alle Freunde gebracht,
wollte doch nur das Beste geben.

Ich habe das Ende des Bahndamms erreicht,
der Nebel verwehrt mir den Blick zurück,
es fällt wirklich nicht leicht,
zu gehen dieses letzte Stück.

Vielleicht komme ich zurück im Sonneschein
und das Gemüt ist nicht so schwer,
das müsste dann sehr bald schon sein,
ich habe Angst, es reicht nicht mehr.

Wilhelm Rohe